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Das Bohnenvietel - Teil 2

Der württembergische Graf Eberhard III. auch der „Milde“ genannt, reiste um 1390 nach Prag, um sich von König Wenzel, Prag war zu dieser Zeit Hauptstadt des „Heiligen Römischen Reichs“ seine Rechte als amtierender Graf bestätigen zu lassen. Die Idee einer Stadterweiterung mit einem großen Handelsplatz schien ihm sehr willkommen, denn die Stuttgarter Innenstadt war viel zu eng, um mit Fuhrwerken in größerem Maße Handel zu betreiben. So wurde dieser Handelsplatz vor den Toren der Stadt, nicht im rechten Winkel zur Stadtmauer wie in Prag, sondern aus Gründen der Topografie parallel zur Stadtmauer ein solcher Handelsplatz angelegt, direkt angebunden an eine der großen Verbindungsstraßen Richtung Tübingen, Bodensee und in die Schweiz, in nördlicher Richtung nach Esslingen, weswegen man später auch amtlich von der Esslinger Vorstadt sprach. Ein Friedhof wurde angelegt, die Leonhards Kapelle wurde gebaut, es entstanden neue Straßenzüge und Stuttgart hatte eine neue Vorstadt.

Diese war sehr schnell besiedelt, Gerber Färber, Wagner, Weingärtner und Handwerker fand man hier in erster Linie und es entstand auch ein Viertel für die Juden, die heutige Brennerstrasse hieß damals noch „die Judengasse“. Trotz allem war das Bohnenviertel immer auch ein Viertel der „armen Tropfe“, da eher arme Leute hier wohnten, die in schlimmen Zeiten, wie Kriegen viel stärker von den Folgen betroffen waren. Erst zur Zeit Herzog Christophs, Mitte des 16. Jahrhunderts, wurde eine Stadtmauer um das Viertel gebaut. Im Verlauf der nächsten Jahrhunderte erfuhr das Bohnenviertel nach und nach kleinere Aufwertungen hinsichtlich der Bausubstanz, vor allem nach dem Krieg gegen Frankreich 1871, als große Mengen an Geld, als Reparationsforderungen nach Deutschland flossen, wurde auch das Bohnenviertel mit teils prächtigen Bürgerhäusern im historistischen Stil ausgebaut.

Das Viertel mit seiner Bevölkerungsstruktur war auch immer für seine besonderen Persönlichkeiten bekannt, vom Pfarrer über den Scharfrichter, von der „alten Wagnere“ bis zum „Krabbedusel“, der Häuserheber Erasmus Rückgauer und die Gäste von Heinrich Lotters Suppenanstalt, hier gibt es die schönsten Geschichten und Anekdoten zu erzählen!

Wie ganz Stuttgart wurde das Bohnenviertel im 2.Weltkrieg stark zerstört und erst in den 60iger Jahren nach und nach wieder bebaut, oft nur mit eingeschossigen Baracken in denen sich das Rotlichtgewerbe ansiedelte. Man sprach auch von den“ schwäbischen Hüttenwerken“, dem vermeintlich interessantesten und attraktivsten Rotlichtviertel Deutschlands nach St. Pauli.

Die Stadt Stuttgart überließ das Viertel sich selbst, hatte sie doch bereits vor dem Krieg große Flächen erworben und nach dem Krieg noch mehr. Fast 70% des Viertels war in städtischem Besitz, denn man plante eine Verwaltungsstadt mit einem technischem Rathaus, es gab sogar kurzfristige Pläne, zu Beginn des „vereinten Europas“ Stuttgart zum Sitz des Europäischen Gerichtshof zu machen, der wenn, dann im Bohnenviertel angesiedelt werden sollte.

Wir können heute nur froh sein, dass es bei Ideen geblieben ist, in den 80iger Jahren hatte sich der Gemeinderat zu einer umfassenden Quartiersanierung entschlossen, es wurden Ideenwettbewerbe ausgeschrieben, mit der Vorgabe die Lebensqualität zu optimieren, viel sozialer Wohnungsbau, Erhalt der alten Bausubstanz, Tiefgaragen und begrünte Innenhöfe. Die Maßnahmen galten bundesweit als beispielhaft und erhielten Auszeichnungen wie den Paul-Bonatz Preis und den Hugo-Häring Preis.

Aus meiner Sicht ist das Bohnenviertel heute eines der ganz wenigen Stadtquartiere in Stuttgart mit einem ganz eigenen Charme. Kopfsteinpflaster, wunderbar sanierte Hausfassaden, begrünte Innenhöfe, viele Gärten, Antiquitätenläden, Butiken, Künstlerateliers, und eine Vielzahl an nettesten Cafés, Bars und tolle Restaurants. Südländische Atmosphäre, viele Kinder, Altenwohnheime, multi-Kulti, das Viertel lebt!